Ist mein(e) Partner(in) ein Narzisst(in)?

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Woher kommt der Begriff „Narzisst“ überhaupt?

In der griechischen Mythologie gibt es eine Figur, die „Narziss“ heißt.  Ein Gott und eine Nymphe hatten den Sohn gezeugt, und er kam mit einem extrem guten Aussehen auf die Welt. Das brachte ihm zahlreiche Verehrerinnen und auch Verehrer ein. Die ließ er jedoch ausnahmslos abblitzen. Er konnte nämlich nur sich selbst lieben, weil er von seinem eigenen Erscheinungsbild restlos überwältigt war. Eine Partnerschaft war unmöglich. So blieb er einsam bis zum Tod. Dies ist die erste narzisstische Person, die wir aus der Literatur kennen.

Welche Bedeutung hat das Wort „narzisstisch“ heute im Alltag?

„So ein narzisstischer Typ!“ Das hört man im Beruf und im Bekanntenkreis immer wieder mal. Die Bezeichnung meint nichts Positives. Sie beschreibt jemanden, der seine Interessen gut vertreten kann und gern mit seinen Vorzügen prahlt. Seine Mitmenschen überzeugt er meistens nicht. Sie schätzen ihn als weniger fähig ein, als er darzustellen versucht, und zwar nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“. Er muss aber noch lange kein narzisstischer Partner sein. Manche Menschen mögen es sogar, wenn der Partner sich gut ins Rampenlicht stellen kann.

Was versteckt sich wirklich alles hinter dem Begriff „Narzissmus“?

  1. Der normale Narzissmus. Zunächst gibt es eine ganz natürliche narzisstische Tendenz, die zum Charakter gehört. Man kann sie als angemessene Liebe zu sich selbst bezeichnen. Dann handelt es sich um ein gesundes Selbstbewusstsein, weil jemand sich selbst in einem guten Licht sieht. Er kann sich gut präsentieren und gleichzeitig seine Mitmenschen berücksichtigen, auch wenn man ihm zuweilen Egoismus und Selbstdarstellung vorwirft. Für viele Menschen trifft das zu. In diesem Ausmaß machen narzisstische Anwandlungen keine Probleme, denn es ist alles in einem normalen Rahmen. Das gilt vor allem für eine Partnerschaft. Auftretende Probleme mit den narzisstischen Tendenzen sind nicht größer als bei anderen Eigenschaften auch.
  2. Der moderate Narzissmus. Zum zweiten gibt es eine narzisstische Eigenschaft, die die Liebe zur eigenen Person übertreibt. Der Mensch möchte gern bewundert werden und macht sich selbst verstärkten Leistungsdruck. Oft sind seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt und er kann beachtliche Resultate vorweisen. Der Hang, aus der Masse hervorzustechen, ist meistens damit verbunden. Die narzisstische Person geht in der Freizeit gerne ungewöhnlichen und auffallenden Aktivitäten nach. Oft ist sie kreativ und überdurchschnittlich intelligent. Kritische Anmerkungen zu ihrem Tun mag sie gar nicht, sie empfindet solche Hinweise als narzisstische Verletzung. Es handelt sich hier um einen gemäßigt narzisstischen Menschen, der durchaus mit seinen Mitmenschen zurechtkommen kann. Er ist für andere wohl schwieriger im Umgang und braucht mehr Aufmerksamkeit, aber man kommt mit ihm zurecht. Das gilt insbesondere für eine Partnerschaft.
  3. Der krankhafte Narzissmus. Die dritte Variante eines narzisstischen Menschen hat es richtig in sich. Man muss von einer Störung der Persönlichkeit sprechen, weil die narzisstische Neigung stark ausgeprägt ist. Hier ist sie nicht mehr die Eigenschaft eines gesunden Menschen, sondern eine krankhafte Erscheinung. Während die normale und gemäßigte narzisstische Form auch Bewunderung braucht, ist der krankhaft narzisstische Mensch geradezu von ihr besessen. Bekommt er sie nicht, so hat er große Schwierigkeiten, das zu verarbeiten. Im schlimmsten Fall wird die Situation so kritisch für ihn, dass er depressive Verstimmungen entwickelt. Auswirkungen beim Job und in seinem sozialen Umfeld sind unübersehbar. Er sollte sich spätestens jetzt professionelle Hilfe holen. Naturgemäß sind Partnerschaften mit dieser narzisstischen Persönlichkeit stark belastet.

Typische Kennzeichen von narzisstischen Partnern

Der narzisstische Mensch stellt sich in seiner Umgebung betont selbstbewusst dar. Doch in seinem Inneren brodelt ein Mangel an Selbstwertgefühl. Tiefgreifende Minderwertigkeitskomplexe nagen an ihm. Symptomatisch für narzisstisches Verhalten ist

  • der Hang, arrogantes Verhalten an den Tag zu legen
  • der Drang, seine Qualitäten in den Vordergrund zu stellen
  • das Überbetonen seiner Fähigkeiten und Erfolge
  • die übersteigerte Selbstwahrnehmung, dass er eine außergewöhnliche, umwerfende Person ist
  • seine große Selbstverliebtheit

In der Begegnung mit seinen Mitmenschen fällt vor allem negativ auf, dass er

  • kritische Anmerkungen nicht hinnehmen bzw. nicht angemessen auf sie reagieren kann
  • sich in andere Menschen kaum hineinversetzen kann
  • andere Menschen gerne für seine eigenen Interessen einspannt und ausnutzt
  • Bestätigung weit über Gebühr erwartet

Wie wirkt sich das in einer Partnerschaft aus?

Der narzisstische Partner möchte ständig die erste Geige spielen. Er ist ein typischer Besserwisser und lässt die Meinung des anderen nicht gelten. Viele narzisstische Menschen sind sehr redegewandt, was es dem Partner besonders schwermacht. Weil er sich selbst in seinem Inneren klein fühlt, muss der narzisstische Teil sich ständig großmachen. Deshalb verträgt er es nicht, wenn der andere etwas besonders gut kann und ihn vielleicht noch übertrumpft. Die narzisstische Persönlichkeit versteht unter einer Partnerschaft, dass einer den Ton angibt und der andere sich unterordnet.

Wenn es verschiedene Meinungen gibt, so kann der narzisstische Partner das kaum ertragen. Es darf nur eine Meinung vorherrschen, und die bestimmt er. Eine Liebesbeziehung stellt er sich so vor, dass ein Teil seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt zugunsten des anderen. Er ist in der Rolle, dass er vollständig versorgt wird und der andere Part die Versorgung übernimmt. Seine Bedürfnisse sollen befriedigt werden, und der andere ist dafür zuständig, das zu tun. Gleichzeitig fordert er nicht nur Bestätigung für sich ein, sondern große Bewunderung.

Wenn der Partner sich dann selbst fast aufgegeben hat, um den Forderungen nachzukommen, muss er befürchten, verletzt oder sogar erniedrigt zu werden. Das ist die schlimmste Stufe. Die narzisstische Person kann es irgendwann nicht mehr ertragen, dass der Partner ihr Innerstes kennt. Denn wenn er ihm alle Wünsche erfüllt und schon von den Augen abgelesen werden, macht ihn das abhängig.

Die Gefahren bei einem narzisstischen Partner

Ein narzisstischer Partner hat nur sehr bedingt Einfühlungsvermögen. Er kennt sich im Grunde selbst nicht, weil er sich in einer Größe sieht, die er nicht hat. Er möchte ein Ideal leben, das er nicht verwirklichen kann. Solange der Partner ihm hohe Aufmerksamkeit und große Anerkennung zukommen lässt und alles in einem tragbaren Ausmaß bleibt, kann die Partnerschaft Jahre dauern und gutgehen.

Wenn es sich aber um eine narzisstische Störung handelt, ist das Geben und Nehmen zu unausgewogen. Der narzisstische Partner gerät selbst in Gefahr und kann depressiv bis zur Selbstmordgefährdung werden. Auch Suchtverhalten kann entstehen, z. B. Alkoholmissbrauch. Eine Therapie der narzisstischen Ausprägung ist unbedingt vonnöten.

Wenn man sich mit einem narzisstischen Partner einlässt, kann auch die Gefahr bestehen, dass es ihm nur darauf ankam, jemanden für sich eingenommen und erobert zu haben. Danach wird ihm die Verbindung unwichtig.

Gibt es Unterschiede zwischen narzisstischen Männern und Frauen?

Grundsätzlich leiden narzisstische Menschen an einem Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit. Sie sind außerordentlich schnell beleidigt und fühlen sich im Nu verletzt. Eine kleine kritische Bemerkung kann dazu führen, dass sie ihre ganze Existenz infrage stellen. Doch Männer und Frauen sind unterschiedlich narzisstisch.

  • Narzisstische Männer streben danach, eine machtvolle Position einzunehmen. Sie möchten hervorgehoben, gelobt und in ihrer Einzigartigkeit bestätigt werden. Ihre Vorzüge zu betonen übernehmen sie auch gern selbst. Vor allem kommt es ihnen darauf an, den Wortführer zu geben und damit Selbstdarstellung zu inszenieren, wenn andere Menschen dabei sind. Das gilt im Job genauso wie im Freundeskreis. In einer Beziehung sind sie der dominante Teil. Sie haben Ziele, die sie durchsetzen wollen, und eine Vorstellung davon, wie der andere sich zu verhalten hat.
  • Narzisstische Frauen gibt es weniger als narzisstische Männer. Auch sie müssen eine Kompensation für ihren Minderwertigkeitskomplex finden. Der ist ihnen bewusster, als es beim männlichen Geschlecht der Fall ist, und sie leiden meistens intensiver darunter. Die narzisstische Frau ist sehr leistungsbezogen und will immer alles richtig machen. Außer perfekt möchte sie auch noch sehr anziehend sein. Gleichzeitig ist sie bemüht, sich den Gegebenheiten anzupassen und nicht negativ aufzufallen. Deshalb sieht es oft so aus, als ob sie ihr Fähnchen nach dem Wind dreht. Narzisstische Frauen legen großen Wert auf ein formvollendetes Outfit. Sie holen sich mit diesen Äußerlichkeiten die Komplimente und Zuwendung, die sie so nötig haben. Sie spielen sich nicht durch Selbstdarstellung in den Vordergrund. In einer Beziehung sind sie nicht dominant, sondern eher unterwürfig. Sie wollen erreichen, dass sie sich selbst lieben können.

Vorsicht vor bedenkenloser Einordnung!

Wenn Du nun meinst, in Deinem Partner einen Narzissten erkannt zu haben, so sei trotzdem vorsichtig. Menschen mit einer echten narzisstischen Störung werden in verschiedenen Studien auf 1 bis 3 % der Bevölkerung geschätzt, davon die meisten Männer. Bei solchen Partnern ist sicher Vorsicht geboten. Doch der unproblematische und gemäßigte narzisstische Partner wird oft sogar gern gesehen. Sein Verhalten ist gesellschaftlich akzeptiert. Wer mit Witz und kreativen Gedanken auftritt, ist unterhaltsam und kommt gut an. Dazu gehört eben auch Selbstdarstellung. Nicht jeder, der das gut kann, ist auch gleich eine narzisstisch gestörte Person.

 

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About Author

Verena Günther-Gödde

Verena Günther-Gödde hat ihren Hang zum geschriebenen Wort in einer Buchhändlerlehre ausgelebt und dabei kaufmännische Grundkenntnisse erworben, ihre Leidenschaft für die deutsche Sprache in einem Germanistik-Studium umgesetzt und ihr gesellschaftspolitisches Interesse im Fach Soziologie mit Kenntnissen untermauert. Der Drang, Wissen unter die Menschen zu bringen, führte sie in die Erwachsenenbildung und die Liebe zur Darstellung zur Öffentlichkeitsarbeit. Selbst zu texten reizte sie schon früh. Davon legen einige literarische Beiträge öffentliches und anonymes Mitwirken stilles Zeugnis ab. Privat liebt sie ihren zweibeinigen Partner, ihren Partner auf vier Pfoten, Mutter Natur und Tiere.

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