Liebeskummer lohnt sich doch!

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„Ich glaub, Liebeskummer lohnt sich doch, jede Träne ist erlaubt“. Das ist die Erkenntnis von Ella Endlich in ihrem bekannten Song. So simpel sie ist, so deutlich bringt sie das Wesentliche auf den Punkt. Dieser besondere Kummer in der Liebe geht niemals ohne Tränen ab. Es sind nicht die Tränen, die bei einem Streit fließen. Es sind nicht die Tränen, die eine unbedachte Verletzung auslöst. Es sind auch nicht die Tränen der Wut, wenn es mal einen ordentlichen Krach gegeben hat. Es sind die Tränen des Trennungsschmerzes. Verlassen zu werden gehört zu den schlimmsten Erfahrungen im menschlichen Leben. Da bleibt buchstäblich kein Auge trocken.

Liebeskummer hat typischerweise der Verlassene, denn er wird vor eine vollendete Tatsache gestellt. Wer die Beziehung beendet, hat den aktiven Part und stürzt emotional nicht ins Bodenlose. Er hat es sich ja auch vorher überlegt. Der zurückgebliebenen Partner muss schon allein die Tatsache verkraften, dass der andere sich abgewandt hat. Egal, ob ihm das mitgeteilt wurde oder ob der andere sich wortlos verabschiedet hat und schlichtweg nichts mehr von sich hören lässt. Wer allein zurückbleibt, findet sich erst einmal in einem Netz von Gefühlen gefangen.

Da sind nicht nur Wut und Schmerz, da machen sich auch Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle breit.  Diesem Menschen helfen schlaue Hinweise gar nicht weiter auch wenn Sie nach Tipps gegen Liebeskummer suchen. „Er/sie hat dich nicht verdient“ oder „Der/die Nächste wartet schon“ kann man sich schenken. „Diese Beziehung war nicht das Richtige für Dich“ bringt gar nichts. Wenn darauf einer kommen soll, dann der Verlassene selbst. Wer wirklich etwas tun will, hört zu und zeigt Verständnis.

Gefühle sind der Schlüssel zur Bewältigung

Wie von vielen Krisen im Leben, kann man auch vom Liebeskummer profitieren. Das klingt ein bisschen zynisch, wenn man drinsteckt. Es klingt aber absolut richtig, wenn man es durchlebt hat. Zum Bewältigen der qualvollen Situation gehört das bedingungslose Akzeptieren der Emotionen. Die verletzte Seele will als Erstes, dass ihr Leid gesehen und vor allem gefühlt wird. Erst dann lässt sie sich wieder streicheln. Das Herz möchte zeigen, wie sehr es blutet.

Dutzende von Taschentüchern sollten vorrätig sein, sie werden gebraucht. Diese Gefühlsausbrüche zuzulassen ist sehr wichtig. Das ist schon der erste Lohn des Liebeskummers, auch wenn man ihn noch nicht als solchen empfindet. Denn es handelt sich um ein ganz großes Gefühl, und solche Emotionen bringen uns Menschen weiter im Leben. Dazu gehört nicht nur das selige Gefühl des Verliebten, dazu gehört auch das elende Gefühl des Verlassenen.

Man hat beide Zustände nicht anhaltend, das wäre nicht zu bewältigen. Man hat sie eine ganze Zeit, dann gehen sie zurück. Auch die schlimmen Situationen der Verzweiflung halten nicht an. Sie sind nur bei verschiedenen Menschen unterschiedlich lang. Die heftigen Tränenausbrüche lassen nach. Jetzt hat man schon eine innere Stärke erlangt, die man vorher nicht hatte. Man kann auch wieder klar denken.

Diese ersten klaren Gedanken nach der Krise finden wir auch im Text von Ella Endlich. „Ich lebe noch. Von Illusionen beraubt.“ In den sechs Wörtern steckt die ganze Energie, die der Liebeskummer so gründlich erstickt hat. Man besinnt sich schlicht und einfach auf das große Geschenk des Lebens an sich. Eine verlorene Liebe ist kein verlorenes Leben.

Man besteht nicht mehr nur aus Kummer und Leid, sondern aus Körper, Geist und Seele. Man findet zur eigenen Einheit des Seins zurück. Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar, und das Denken setzt wieder ein. Zwar ist die Erkenntnis noch schmerzlich, doch sie führt in die richtige Richtung. Denn einer Illusion beraubt zu sein heißt ja auch, sich der Realität zuzuwenden.

Liebeskummer führt zur Selbsterkenntnis

Zunächst vermisst man die Geborgenheit, das vertraute Zusammensein und den Halt, den der Partner gegeben hat. Dann kommt langsam der Gedanke zum Zuge, dass einiges davon wohl eine Illusion war. Hat man diese Stufe erreicht, sieht man die Dinge viel reeller. Gab es nicht auch eine Menge Probleme und viele schwierige Situationen? Welche Vorteile hat die Trennung eigentlich? Plötzlich fällt dem verlassenen Part dazu einiges ein.

Ist nicht auch eine Menge Stress weg? Eine gewisse Unruhe, die unterschwellig oft da war? Man lebt auch nicht mehr zwischen Hoffen und Bangen. Wie oft hat man sich gefragt, ob die Beziehung halten wird. Nun ist es klar. Diese Klarheit war anfangs so schwer zu verkraften und wird jetzt zum Hoffnungsträger. Jegliche Ungewissheit ist ausgeräumt. Man sieht der Wirklichkeit ins Auge. Liebeskummer lohnt sich erneut, sobald dieses Stadium erreicht ist. Wenn man weiß, dass das Leben auch als Single weitergeht.

Jetzt ist die Zeit gekommen, in der man seinen eigenen Wert wiederaufbaut. Man ist nämlich liebenswert, auch ohne die vergangene Liebe. Man hat viele gute Eigenschaften, die andere Menschen zu schätzen wissen. Man kann etwas, man weiß etwas, und man hat Interessen. Das alles lässt sich ohne den Ex-Partner leben und verwirklichen.

Gerade das Durchleben ernsthaften Selbstzweifels bringt uns weiter. Wir haben uns so lange zermartert, bis wir endlich an den Punkt gekommen sind, wo wir uns neu entfalten. Gerade wenn man sich selbst so umfassend in Frage gestellt hat, macht man sich schließlich genauso umfassend Gedanken über die eigenen Stärken. Die werden jetzt viel bewusster wahrgenommen. Noch dazu gepaart mit dem Stolz, die Trennung hinter sich gebracht zu haben. So heftig wie man sich vorher klein gefühlt hat, so kraftvoll empfindet man nun die eigene Persönlichkeit. Innere und äußere Werte können wieder selbst erkannt werden. Wie drückt der Endlich-Song es so treffend aus? „Liebeskummer lohnt sich doch. So schön war ich noch nie.“

Liebeskummer bringt einen Reifeprozess hervor

Dass man sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt, kommt nicht oft im Leben vor. Durch die Phase des Liebeskummers zu gehen hat so etwas wie eine innere Reinigung zur Folge. Die führt zwangsläufig zu mehr Klarheit. Das ist der Reifeprozess. Reife ohne Schmerzen gibt es ohnehin kaum.

Nun gehen die Selbstzweifel zurück und mit ihnen die Komplexe. Der Verstand schaltet sich wieder ein. Man weiß: Wenn diese Beziehung nicht geklappt hat, so gilt das auch nur für diese Beziehung. Das heißt noch lange nicht, dass man nicht beziehungsfähig wäre. Im Gegenteil, man ist sich des Selbstwertes viel mehr bewusst. Man weiß, was man zu geben hat und was man aus gutem Grund von einer Partnerschaft auch erwarten darf.

Der Verlust wird zum Gewinn. Ganz zum Schluss des Prozesses. Der kann eine Zeitlang dauern, das ist schon richtig. Er gleicht auch manchmal einer Achterbahn der Gefühle. Das ist auch richtig. Doch dass er zu Ende geht, das ist ebenfalls wahr. Kommen wir nochmal zu unserem Song zurück. Da heißt es: „Liebeskummer lohnt sich doch. Ja, am Ende dank ich dir noch.“ Genau das sind die richtigen Worte. „Danke und tschüss“.

 

 

 

 

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About Author

Verena Günther-Gödde

Verena Günther-Gödde hat ihren Hang zum geschriebenen Wort in einer Buchhändlerlehre ausgelebt und dabei kaufmännische Grundkenntnisse erworben, ihre Leidenschaft für die deutsche Sprache in einem Germanistik-Studium umgesetzt und ihr gesellschaftspolitisches Interesse im Fach Soziologie mit Kenntnissen untermauert. Der Drang, Wissen unter die Menschen zu bringen, führte sie in die Erwachsenenbildung und die Liebe zur Darstellung zur Öffentlichkeitsarbeit. Selbst zu texten reizte sie schon früh. Davon legen einige literarische Beiträge öffentliches und anonymes Mitwirken stilles Zeugnis ab. Privat liebt sie ihren zweibeinigen Partner, ihren Partner auf vier Pfoten, Mutter Natur und Tiere.

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