154 Tage und Nächte

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Heute sind es 154 Nächte. 154 Nächte an denen du mein letzter Gedanke warst, bevor ich die Augen geschlossen habe. 154 Nächte, in denen du mich so gut wie jede Nacht in meinen Träumen besucht hast. Um danach aufzuwachen und festzustellen, dass du nicht mehr da bist. Dass von der anderen Seite meines Bettes nur noch Stille statt ein verschlafenes „Boah nö“ zu hören ist, wenn der Wecker klingelt.

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154 Tage. Tage ohne dich. Keine Spur von dir, nirgendwo. Außer in meinem Badezimmer, da steht noch deine Zahnbürste. Und im Kühlschrank dein Ketchup für’s Brötchen. Ich will nicht hineinsehen, um zu gucken, ob er schon schimmelt. Er bleibt einfach da. Wenn ich den Schimmel nicht sehe, ist er auch nicht da. Und solange deine Zahnbürste noch da ist, kannst du zurückkommen und dir die Zähne putzen.

Seit 154 Tagen läuft mein Leben auf Vorspulen. Ich sehe nur noch Bilder vorbeiziehen, kann Zusammenhänge der Story nur erahnen, wirklich verstehen, tue ich nichts mehr. Menschen kommen und gehen und ich komme und gehe mit und bleibe auch mal lange weg. Ich bin mir eigentlich gar nicht mehr sicher, ob ich nicht einfach an diesem Sonntag vor 154 Tagen mit dir gegangen bin. Und jetzt wohnt hier in der Wohnung, die mal meine war, und manchmal auch deine, an den guten Tagen, nur irgendwer. Der irgendwas macht. Irgendwas redet und zu selten aufräumt.

Ich habe deine letzte Sprachnachricht heute angehört. Immer wieder. Repeat, repeat, repeat. Und in meinem Kopf ist auch nur repeat. Er ist bei dem Bild von dir hängen geblieben und die Platte läuft nicht mehr weiter. Als deine Stimme im Wohnzimmer erklungen ist, kommen mir sofort die Tränen. Ich sehe dich vor mir, wie du sie aufnimmst. Deine Stimme bringt mein Herz zum Rasen, es versteht nicht, dass diese Aufnahme 155 Tage alt ist. Was ist in diesen 155 Tagen mit dir passiert? Wer hat deine Stimme in diesen Tagen alles gehört? Und wer hört jetzt das „Boah Nö“ am Morgen von dir?

Ich laufe und laufe, weit und schnell, so weit und schnell ich kann aber doch bist du immer nur ein paar Schritte hinter mir und sobald ich nicht aufpasse, holst du mich wieder ein. Du legst deine Hand auf meine Schulter, drehst mich zu dir und sagst, dass ich dich ja wohl noch nicht vergessen habe.

Als ich deine Sprachnachricht zum elften Mal anhöre erschrecke ich, weil unter deinem Namen das kleine Wort „online“ erscheint. Mir wird schlecht davon, zu wissen, dass wir beide auf unser Handy starren in diesem Moment und du nicht im Entferntesten daran denkst, dass ich gerade auf unser letztes Gespräch starre. Die Ironie, dass du nur ein Tippen, ein Wort von mir entfernt bist in diesem Chat, und ich zum Analphabeten werde. Ich darf nicht. Ich darf mich nicht melden, ich darf nicht schreiben, ich darf dir nicht sagen, dass du mir noch immer so sehr fehlst. Dass ich dich so sehr vermisse.

Dass das Loch, was du in meinem Leben hinterlassen hast, noch immer nicht geschlossen ist. Es ist noch nicht einmal provisorisch abgesperrt, sodass ich in Zeiten wie den letzten Tagen doch immer wieder hineinfalle. Und viel Gin Tonic und viel Ablenkung und viele Tinder Matches brauch, um mich langsam wieder daraus zu ziehen. Um dann gerade, wenn ich schon fast oben bin, wieder herunterzufallen. Auf uns.

Mein letzter Satz an dich, dass ich niemals verstehen werde, warum du das wegschmeißen willst prangt so erbarmungslos in diesem Chat. In diesem Chat und in meinem Kopf und er ist bis heute war geblieben und auch 154 Tage danach und 154 Nächte danach könnte ich ihn dir genauso wieder schreiben und würde dabei ehrlich sein.

Wie aus dem Nichts erscheinst du in letzter Zeit immer wieder in meinen Gedanken, abends im Bett aber auch tagsüber um halb drei im Supermarkt. Noch immer bist du der erste, dem ich Dinge erzählen möchte. Noch immer sind unsere Momente mein Lieblingsfilm und dein Lachen mein Lieblingslied und dein Gesicht mein Lieblingsgesicht. Und dann kommt mit unseren Momenten der Gedanke, dass ich dich nie wieder sehen werde. Dass du weg bist und niemals wieder kommst. Dass das alles doch nicht der große Irrtum war, den du irgendwann bemerken wirst. Dass wir wirklich nie wieder im Aldi stehen und du mich fragst, ob in den griechischen Salat Pilze kommen könnten. Dass du mich nie wieder zu dir ziehst und fragst, was es zum Frühstück gibt. Dass wir nie wieder zu Roland Kaiser tanzen. Und dass ich dich niemals aufhören werde zu vermissen. Auch, wenn du nie wieder kommst.

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Über die / den Autor/in

Madame Fox

Madame Fox schreibt fuchsige Geschichten aus dem Leben, mal traurig, mal lustig, aber immer echt. Mehr von ihr könnt Ihr auf ihrem Blog www.madamefox.com lesen.

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